Wie man eine Grafikabteilung im Griff behält
Ein realistischer Überlebensratgeber für Führungskräfte
Es gibt Abteilungen, die funktionieren.
Dann gibt es die Grafikabteilung.
Eine Grafikabteilung ist kein Teil des Unternehmens. Sie ist ein autonomes Territorium mit eigener Sprache, eigenen Gesetzen und einer Verfassung, die offenbar irgendwo zwischen Adobe und Größenwahn geschrieben wurde.
Als Führungskraft muss man das akzeptieren.
Der erste Fehler besteht darin, zu glauben, man könne eine Grafikabteilung führen.
Das kann man nicht.
Man kann höchstens versuchen, sie davon zu überzeugen, dass man noch lebt.
Die erste Regel: Niemals „nur kurz“ sagen
„Kannst du das nur kurz ändern?“
Dieser Satz ist der natürliche Feind jeder Grafikabteilung.
„Kurz“ bedeutet dort ungefähr dasselbe wie „kleiner Eingriff“.
Ein kleiner Eingriff in einer Grafikdatei ist ungefähr so harmlos wie ein kleiner Eingriff am Atomreaktor.
Plötzlich fehlen Schriften.
Das Layout verschiebt sich.
Ein Bild ist nicht mehr verknüpft.
Die PDF exportiert falsch.
Und irgendjemand sagt:
„Das kann ich so nicht freigeben.“
Niemand weiß, wer dieser Mensch ist.
Aber alle hören auf ihn.
Die Hierarchie
Die offizielle Unternehmenshierarchie lautet:
Geschäftsführung.
Abteilungsleitung.
Teamleitung.
Mitarbeiter.
Die tatsächliche Hierarchie in einer Grafikabteilung lautet:
Derjenige, der weiß, wo die Originaldatei liegt.
Derjenige, der die Schrift installiert hat.
Derjenige, der die alte Version besitzt.
Alle anderen.
Ganz unten steht die Führungskraft.
Sie darf Entscheidungen treffen, Budgets verwalten und Verantwortung übernehmen.
Aber wenn sie fragt:
„Wo ist denn die offene Datei?“
blicken zwölf Menschen langsam von ihren Monitoren auf.
Dann fällt ein Satz:
„Die müsste eigentlich irgendwo im Projektordner sein.“
Das ist kein Satz.
Das ist eine Hinrichtung.
Die Kunst des Briefings
Die Führungskraft darf niemals glauben, ein Briefing sei verständlich.
Ein Briefing ist lediglich eine Einladung zu einer mehrwöchigen philosophischen Debatte.
Man schreibt:
„Bitte modern und hochwertig gestalten.“
Die Grafikabteilung antwortet:
„Was bedeutet modern?“
Man erklärt es.
„Und hochwertig?“
Man erklärt auch das.
„Welche Zielgruppe?“
„Welche Tonalität?“
„Welche Bildwelt?“
„Welche Typografie?“
Nach einer Stunde stellt man fest, dass man eigentlich nur einen Flyer gebraucht hätte.
Die Grafikabteilung hat inzwischen eine Strategie entwickelt.
Der Flyer ist noch nicht angefangen.
Aber die Strategie hat 14 Seiten.
Die Revolte
Eine Revolte erkennt man daran, dass plötzlich alle freundlich werden.
Niemand widerspricht mehr.
Niemand diskutiert.
Niemand fragt nach.
Das ist kein Frieden.
Das ist die Ruhe vor dem Bürgerkrieg.
Dann kommt der entscheidende Satz:
„Wir haben uns im Team mal Gedanken gemacht.“
Eine Führungskraft mit Erfahrung weiß:
Jetzt wird es teuer.
Man setzt sich.
Jemand öffnet eine Präsentation.
Folie eins:
„Ausgangssituation“
Folie zwei:
„Herausforderungen“
Folie drei:
„Unsere Vision“
An dieser Stelle weiß man, dass man verloren hat.
Denn es geht längst nicht mehr um den Flyer.
Es geht um Macht.
Der Putsch
Der eigentliche Putsch beginnt, wenn die Grafikabteilung eigene Regeln aufstellt.
„Das machen wir grundsätzlich nicht.“
Ein Satz, der in jeder anderen Abteilung als Diskussionsgrundlage gelten würde.
In der Grafikabteilung ist er Gesetz.
Man kann natürlich fragen:
„Warum?“
Das ist naiv.
Die Antwort lautet:
„Weil das gestalterisch keinen Sinn ergibt.“
Damit ist der Vorgang abgeschlossen.
Kein Gericht dieser Welt kann dagegen Berufung einlegen.
Der Umgang mit Widerstand
Man könnte jetzt versuchen, Autorität zu zeigen.
Das ist schön.
Es wird nur nichts bringen.
Man sagt:
„Ich bin der Vorgesetzte.“
Die Grafikabteilung hört:
„Ich kenne mich mit Gestaltung nicht aus.“
Man sagt:
„Das wird jetzt so gemacht.“
Die Grafikabteilung hört:
„Bitte erklären Sie mir noch einmal ausführlich, warum das nicht funktioniert.“
Man sagt:
„Der Kunde will es so.“
Das ist der einzige Satz, der kurzfristig Wirkung zeigt.
Aber nur kurzfristig.
Denn irgendwann fragt jemand:
„Welcher Kunde?“
Und damit ist auch diese Waffe verbraucht.
Die Geheimwaffe
Es gibt nur eine Methode, eine revoltierende Grafikabteilung wieder unter Kontrolle zu bekommen:
Man gibt ihr Verantwortung.
Das klingt zunächst gefährlich.
Und das ist es auch.
Man sagt:
„Ihr entscheidet, wie wir das lösen.“
Plötzlich herrscht Stille.
Denn Freiheit ist etwas, das Menschen fordern, bis sie dafür verantwortlich gemacht werden.
Dann passiert etwas Wunderbares.
Die Revolte zerfällt.
Aus Revolutionären werden Projektmanager.
Aus Projektmanagern werden Menschen, die Meetings absagen.
Und aus Meetings entstehen neue Meetings, um zu klären, warum die alten Meetings nichts gebracht haben.
Der Frieden ist wiederhergestellt.
Die fünf Gebote
Wer eine Grafikabteilung überleben möchte, sollte fünf Regeln beachten:
Erstens: Sag niemals „Das ist doch schnell gemacht“.
Zweitens: Frage niemals, warum eine Änderung „so lange dauert“.
Drittens: Berühre niemals selbst die Masterdatei.
Viertens: Verwende niemals die Wörter „final“, „endgültig“ oder „letzte Änderung“.
Fünftens: Wenn jemand sagt „Ich hab eine ganz einfache Idee“, verlasse den Raum.
Sofort.
Das Ende der Zivilisation
Irgendwann wird die Grafikabteilung ohnehin gewinnen.
Nicht, weil sie stärker ist.
Sondern weil sie geduldiger ist.
Sie kann eine Diskussion über einen Abstand von drei Millimetern überleben.
Sie kann sechs Versionen derselben Datei verwalten.
Sie kann eine Präsentation mit 87 Folien öffnen, ohne emotional zusammenzubrechen.
Und sie kann aus dem Satz „Mach es bitte etwas schöner“ ein mehrwöchiges Projekt machen.
Das ist keine Abteilung mehr.
Das ist eine Zivilisation.
Man sollte sie nicht bekämpfen.
Man sollte Handel treiben.
Kaffee gegen Loyalität.
Budgets gegen Frieden.
Und gelegentlich ein „Sieht gut aus“ gegen die vollständige Eskalation.
Denn am Ende geht es nicht darum, die Grafikabteilung zu beherrschen.
Es geht darum, dass am Ende tatsächlich eine Datei existiert, die geöffnet werden kann.
Wenn das gelingt, ist das kein gutes Management.
Das ist ein Wunder.
Und Wunder sollte man bekanntlich nicht hinterfragen.